Die liebevollste Version deiner Hand

Ein Stift ruht sanft auf einer geöffneten Hand – symbolisch für Hingabe, Vertrauen und liebevolle Kreativität.

Ein Raum, in dem Worte zu Stille werden – und Stille zu Frieden.

Die liebevollste Version deiner Hand

Es gab einmal einen Menschen,
der sehr genau wusste, wie man denkt –
und der trotzdem müde geworden war vom Denken.

Dieser Mensch setzte sich eines Tages an einen Tisch.
Vor ihm lag ein leeres Blatt Papier.
Und neben dem Papier lag seine Hand.

Er sah sie an.
So, wie man etwas ansieht, das man schon sehr lange kennt
und doch nie wirklich betrachtet hat.

Die Hand lag einfach da.
Sie wusste nichts von Zielen.
Sie kannte keine Erwartungen.
Sie hatte keine Meinung darüber, ob etwas gut oder richtig werden würde.

Und während der Mensch so schaute,
kam ihm ein Gedanke –
ein ganz leiser, fast unhörbarer Gedanke:

„Was, wenn ich heute nichts schreiben müsste?“

Dieser Gedanke fühlte sich überraschend leicht an.

Also beschloss er, einen kleinen Versuch zu machen.
Einen, den niemand sehen musste.
Nicht einmal er selbst.

Er sagte nicht:
„Ich schreibe jetzt meine liebevollsten Gedanken.“

Er sagte stattdessen:

„Ich überlasse das meiner Hand.“

Nicht seiner gewohnten Hand.
Nicht der Hand, die funktionieren musste.
Nicht der Hand, die gelernt hatte, wie man schreibt.

Sondern
der liebevollsten Version seiner Hand.

Er wusste nicht genau, wie sie aussah.
Er musste es auch nicht wissen.
Es reichte, dass er ihr erlaubte, da zu sein.

Und vielleicht kennst du diesen Moment –
wenn etwas nicht gemacht, sondern zugelassen wird.

Die Hand bewegte sich.
Ganz von selbst.
Langsam.
Ohne Eile.

Der Mensch schaute zu,
so wie man einem Kind zuschaut,
das spielt, ohne zu wissen, dass es etwas „richtig“ machen könnte.

Und während die Worte entstanden,
bemerkte er etwas Merkwürdiges:

Die Gedanken fühlten sich nicht wie seine an.
Sie waren weicher.
Freundlicher.
Geduldiger.

Als kämen sie aus einem Raum,
den er sonst selten betrat.

Nach einer Weile legte er den Stift zur Seite.
Oder vielleicht legte der Stift ihn zur Seite –
so genau ließ sich das nicht sagen.

Er las nicht, was geschrieben stand.
Das war nicht nötig.

Denn etwas hatte sich bereits verändert.

Am nächsten Tag ging er noch einen Schritt weiter.
Er legte das Blatt Papier hin.
Dann den Stift.

Und diesmal sagte er:

„Ich überlasse das dem liebevollsten Stift.“

Ein Stift,
der nichts beweisen wollte.
Der keine Geschichten kannte.
Der einfach nur bereit war, Spuren zu hinterlassen.

Und wieder geschah etwas.
Ganz ohne Anstrengung.

So lernte der Mensch etwas sehr Einfaches.
Und zugleich sehr Tiefes:

Dass Liebe nicht aus dem Denken kommt.
Dass sie nicht geplant werden muss.
Und dass sie oft dort auftaucht,
wo Verantwortung abgegeben wird.

Nicht an etwas Größeres.
Nicht an etwas Höheres.

Sondern
an etwas Näheres.

An eine Hand.
An einen Stift.
An einen Moment,
der nichts will.

Und vielleicht –
nur vielleicht –
ist genau das der Grund,
warum manche Gedanken so heilsam sind:

Weil sie nicht von uns stammen.
Sondern durch uns hindurch entstehen dürfen.